Die Jugendhilfe der DDR – eine politisch-ideologische Umerziehung zum „neuen Menschen“

Betrachtet man die Jugendhilfe in unterschiedlichen Zeitabschnitten deutscher Geschichte, so fällt auch in jüngerer Vergangenheit ein System auf, von dem sich die heutige Kinder- und Jugendhilfe mit all ihren Institutionen und Hilfestellungen deutlich unterscheidet.

Das Jugendhilfesystem der DDR.

Bereits 1945 mit Beginn der Sowjetischen Besatzungszone im Osten Deutschlands richtete sich das Hauptaugenmerk der sozialistischen Ideologie auf die jugendliche Bevölkerungsgruppe. Man versprach sich mit der Gründung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) im darauffolgenden Jahr eine einheitliche Massenorganisation, die Disziplin, das Einordnen ins System und die selbstlose Anstrengung zum Erreichen höherer(!), gesellschaftlicher Ziele durchsetzen könne.

Persönliche Interessen der im Mittelpunkt stehenden Bevölkerungsgruppe wurden gleichgemacht und das gesamtgesellschaftliche Wohl künstlich in den Vordergrund gedrängt.

 

Widerstand war zwecklos. Jugendliche gruppierten sich zu Protestbewegungen immer wieder zusammen und versuchten der Repression und dem aufgezwungen Ziel einer sozialistischen Persönlichkeit zu entkommen. Gefolgt waren diese Proteste jedoch oft von heftigsten Sanktionen seitens der SED.  Disziplinierungsmaßnahmen mit Foltermethoden, roher Gewalt und fürchterlicher Repression waren die schlimmsten der zu erwartenden Folgen, um den Jugendlichen nach nonkonformistischem Verhalten die Tugenden des Sozialismus näherzubringen.

 

Flucht als einziger Ausweg. Auch viele junge Menschen flohen noch vor dem Mauerbau aus der DDR, um dem System zu entkommen. Die SED reagierte vor allem auf die Jugendflucht mit geheuchelter Sorge und versuchte Verständnis zu vermitteln. Trotz vermeintlich offener Haltung änderte sich die Lage dramatisch nach dem Mauerbau 1961. Schikanen und Repressionen wurden heftiger und Proteste sollten mit Hilfe der FDJ unterdrückt werden.

 

1965: Das Jahr der ideologischen Wende. Immer wieder versuchte die Jugendpolitik mit „Phasen der Entspannung“ die Jugend in ihren Protesten zu besänftigen, bis 1965 auf der elften Tagung des Zentralkomitees der SED dem sogenannten Rowdytum, der Unsittlichkeit und den anarchistischen Tendenzen in der Jugendbewegung der endgültige Kampf angesagt wurde.

Auch mit der Ablösung Ulbrichts durch Erich Honecker als Parteisekretär der SED blieb eine Wendung hinsichtlich der Interessen und zum Wohle der Kinder und Jugendlichen in der DDR aus.

Mit ihren hohen Anforderungen erreichte die Politik erneut das Gegenteil in der Jugendbewegung. Das ewige Auf und Ab zwischen Entspannung und Aufruhr kam wieder ins Rollen. Kontrollen und harte Strafmaßnahmen zur Disziplinierung der „außer Kontrolle geratenen Jugend“ waren an der Tagesordnung.

 

Diagnose: Schwererziehbar, kriminell, asozial oder einfach einer Subkultur zugehörend. Das Erziehungs- und Jugendhilfesystem in der DDR sanktionierte immer heftiger. Unter Einfluss des nationalsozialistischen Erziehungssystems und sowjetischen Vorbildern, wie beispielsweise Anton S. Makarenko erfuhr die politisch-ideologische Anstaltserziehung, mit Schwerpunkten der körperlichen Ertüchtigung bis zur absoluten Erschöpfung, Gewalt, Erniedrigung, Repression und der Kollektiverziehung einen traurigen Höhepunkt. „Einen neuen Menschen auf eine neue Weise schaffen“ – Das erklärte Ziel aller Jugendhilfeeinrichtungen. Oder auch: politisch-ideologische Umerziehung zu einer sozialistischen Persönlichkeit, mit den Eigenschaften: fröhlich, mutig, straff, bereit zum Kämpfen, befähigt zum Bauen und das Leben liebend.

Getreu der marxistisch-leninistischen Auffassung von Erziehung war in der DDR-Erziehung  kein Platz für Individualität. Menschen galten lediglich als Teil eines ideologischen Überbaus.

 

Vor allem in Kinderheimen und Jugendwerkhöfen mussten Heranwachsende unterschiedlichsten Alters grausame Sanktionen über sich entgehen lassen. Mit eng, fast militärisch getakteten Zeitplänen drängelte man Kinder und Jugendlich durch den Heimalltag und versuchte stets das politische Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Entscheidungen eigenständig treffen und privater Besitz von Gegenständen waren hier die absolute Seltenheit. Vielmehr entschied die Macht und Willkür der Erzieherinnen und Erzieher über fast alle Angelegenheiten die das Leben der „Inhaftierten“ betrafen.

Insassen auch deswegen, weil man kurzer Hand nach dem Krieg einfach alte Gefängnisgebäude zur Unterbringung der Kinder und Jugendlichen nutze. Zynisch gesagt: Sinnvoll für die Grausamkeiten, die vor allem Jugendliche über sich ergehen lassen mussten.

Ausgangssperre, unsinnige und sich bis ins Unendliche wiederholende Reinigungsarbeiten, Sport bis zur absoluten Erschöpfung, Schläge, teilweise wochenlanger Einzelarrest, Essenssperre oder Arrest in Dunkel- und Flutkammern und teilweise sogar sexueller Missbrauch durch Erzieherinnen und Erzieher prägten den furchtbaren und traumatisierenden Aufenthalt vor allen in sogenannten Jugendwerkhöfen der DDR.

Schon in der Weimarer Republik taucht der Begriff des Jugendwerkhofs auf. Verstanden hat man darunter eine Resozialisierungsanstalt, die verhaltensauffällige Jugendliche vor dem Gefängnis bewahren sollte. Dass eine solche Einrichtung viel schlimmer als der Aufenthalt in einem Gefängnis sein konnte, beweisen die Aufzeichnungen in ehemaligen Zellen und die schockierenden Erzählungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, von denen sich bis heute viele in psychologischer Behandlung befinden, um die Geschehnisse und Erlebnisse ihrer Jugend zu verarbeiten.

Gründe wie Schulbummelei, Disziplinlosigkeit, Herumtreiberei, übermäßiger Alkoholkonsum oder sexuelle Verwahrlosung lassen sich in den Akten der Inhaftierten wiederfinden. Diese Vorwürfe gepaart mit Verstößen gegen eine Heimeinrichtung, waren zur damaligen Zeit auch Einweisungsgründe in den einzigen Geschlossenen Jugendwerkhof im sächsischen Torgau. Ausgerechnet in der Stadt, in der eines der bekanntesten Fotos zum Ende des Zweiten Weltkriegs aufgenommen und um die Welt geschickt wurde. (Handschlag zwischen amerikanischen und sowjetischen Soldaten auf einer zerstörten Brücke.)

 

Die Explosionsmethode. Bei Einlieferung der Jugendlichen, meist durch die Polizei, fand diese, auf A.S. Makarenko zurückgehende Methode ihren Einsatz. Ohne, dass Jugendliche wussten, was ihnen vorgeworfen wurde, wurden sie teilweise tagelang in Einzelarrest gesteckt und oftmals erst Wochen danach über ihr Fehlverhalten aufgeklärt. Der Alltag, geprägt von militärischen Übungen und Drill, Strafen und Arbeit, war für die 14-18 jährigen oftmals der blanke Horror. Von Beschulung im herkömmlichen Sinne darf übrigens in solchen Einrichtungen nicht die Rede sein. Aus Aufzeichnungen geht hervor, dass die Beschulung der Jugendlichen völlig vernachlässigt wurde und stets zu Zwecken der politisch-ideologischen Abrichtung missbraucht wurde.

 

Betrachtet man die heutige Jugendhilfe, ist es fast erstaunlich, dass binnen „so kurzer“ Zeit doch so maßgebliche Veränderungen stattgefunden haben. Glücklicherweise beschäftigt sich die heutige Jugendhilfe vor allem mit dem Schutz, der Förderung,  der Erziehung  und dem Wohl der Kinder und Jugendlichen. Im Sozialgesetzbuch VIII sind die aktuellen Bestimmungen, welche den Grundstein jeglicher pädagogische Arbeit darstellen, aufgeführt. Kindern, Jugendlichen und deren Eltern oder Erziehungsberechtigten wird hierbei eine beratende und unterstützende Förderung zum Wohl der Betroffenen zugesagt.

Vergleicht man beide Jugendhilfesysteme und stellt solche Veränderungen fest, so muss man sich die Frage stellen, wie es sein kann, dass Universitäten und Schulen gerade diese grausame Vergangenheit der Jugendhilfe nicht als festen Bestandteil in ihre Ausbildung für Pädagoginnen und Pädagogen aufnimmt. Denn gerade aus solchen Gräueltaten müssen Lehren gezogen werden, um verantwortungsbewusste Pädagoginnen und Pädagogen heranwachsen zu lassen. Um es mit den Worten von Max Mannheimer zu sagen: „Ihr seid nicht Schuld an dem, was war, aber verantwortlich, dass es nicht mehr geschieht.“

Genau aus diesem Grund befindet sich heute in dem ehemaligen Jugendwerkhof Torgau eine Gedenkstätte, die die Geschichte dieser Einrichtung aufarbeitet, Zeitzeuginnen und –zeugen einen Ort der Aufarbeitung und jungem pädagogischen Personal, sowie allen anderen Interessierten einen Lernort bietet, wie er eindrücklicher kaum sein könnte.

Weitere Infos hier:

http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/182642/jugendhilfe-und-heimerziehung-in-der-ddr

 

https://www.welt.de/politik/deutschland/article7014305/Der-brutale-Alltag-in-den-DDR-Jugendwerkhoefen.html

 

http://www.jugendwerkhof-torgau.de/

 

http://www.spiegel.de/einestages/jugendwerkhof-torgau-ddr-heime-fuer-rebellische-jugendliche-a-1036755.html

 

weitere Literatur kann gerne per Mail erfragt werden.