Wie die Schule soziale Ungleichheit befördert

 

Bis vor kurzem war ich Gymnasiallehrer für die Fächer Englisch und Französisch. Ich hatte eine siebte Klasse, die ziemlich gut war in Englisch. Wie in jeder Klasse gab es ein paar Schülerinnen, die vermutlich in allen Fächern tolle Noten hatten. Sie sitzen typischerweise gerne in der ersten Reihe und beteiligen sich rege am Unterricht. Und dann gab es Schülerinnen, die sich etwas schwerer taten, aber insgesamt war niemand wirklich überfordert. Mein Eindruck war, dass die meisten Kinder aus weitgehend bildungsbeflissenen Familien kamen. Erst in der Lehrerkonferenz am Ende des Schuljahres erfuhr ich, dass einer meiner Schüler (nennen wir ihn Martin) aus schwierigen Verhältnissen stammte, dass er schon von einer Schule geflogen war, dass alle seine Freunde auf die Haupt- oder Realschule gingen. In Englisch stand Martin auf einer 4, in anderen Fächern hatte er schlechtere Noten. Es war beschlossene Sache, dass er das Gymnasium verlassen würde, auch weil er selbst lieber bei seinen Freunden sein wollte.

Das deutsche Schulsystem ist heute durchlässiger als früher, vielleicht wird Martin später noch das Abitur machen. Und trotzdem: Diese Anekdote ist symptomatisch für ein strukturelles Problem. Zwar ist es eine Binsenweisheit, dass wir unsere Kinder in Deutschland zu früh auf verschiedene Schulformen verteilen, doch worin genau das Problem besteht, wird nicht präzise genug benannt: Wir überschätzen die Bedeutung von Wissen und Fachkompetenz und wir unterschätzen die Bedeutung von Sozialisierung. Heranwachsende werden von ihrem sozialen Umfeld geprägt. Je häufiger Kinder mit klugen Menschen interagieren, desto klüger werden sie. Je früher diese Interaktionen stattfinden, desto größer ihre Wirkung. Der Zug ist noch nicht abgefahren, wenn die Kinder im Alter von zehn Jahren die Grundschule verlassen. An diesem Punkt aber werden deutschlandweit soziale Fakten geschaffen. Wer die Hauptschule besucht, hat mit weniger gebildeten Personen zu tun. Dies gilt für die Schülerschaft, aber auch für die Lehrkräfte. Eine Hauptschullehrkraft verdient weniger als eine Gymnasiallehrkraft. Ein Freund von mir wollte Gymnasiallehrer werden. Nachdem er einige Prüfungen nicht bestanden hatte, musste er auf Realschullehramt umsatteln.

Wenn ich mich mit Grundschullehrer*innen unterhalte, höre ich oft, dass die Klassen in der vierten Jahrgangsstufe schon so heterogen seien, dass es kaum noch möglich sei, „alle mitzunehmen“. Dann aber die leistungsschwachen Kinder auszusondern und zu isolieren, ist meines Erachtens genau das Falsche. Martin hatte am Gymnasium das perfekte Umfeld, um die vermeintlichen Nachteile, die durch sein Elternhaus bedingt waren, auszugleichen. Priorisiert wurden jedoch die Schulnoten, also Wissen und Fachkompetenz, statt Sozialisierung.

Eine einfache Lösung habe ich leider nicht parat, aber das Problem zu identifizieren, muss der erste Schritt sein. Die Soziologin Anne Christine Holtmann hat sich in ihrer Dissertation (Deutscher Studienpreis 2018) mit diesem Problem beschäftigt. Es folgt ein kleiner Ausschnitt aus einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung und darunter der entsprechende Link:

SZ:                   Vielen Eltern […] macht die soziale Durchmischung Sorgen. Sie wollen ihre Kinder am liebsten mit ihresgleichen zur Schule schicken.

Holtmann:     Solche Sorgen sind aber unbegründet. Studien zeigen, dass privilegierte Kinder nicht schlechter abschneiden, wenn sie gemischte Klassen besuchen. Aber es ist dennoch sehr schwierig, Eltern davon zu überzeugen, viele haben große Vorbehalte. Ihnen versuche ich in Gesprächen auch zu erklären, dass es für Kinder sehr bereichernd sein kann, wenn sie Klassenkameraden unterschiedlicher Herkunft haben. Im Endeffekt ist es so: Wenn wir es nicht schaffen, dass Schulen stärker sozial durchmischt sind, kreieren wir in der Bildung eine Zweiklassengesellschaft. Viele Kinder bleiben zurück, obwohl das nicht sein müsste.